Rachepsalmen (9/9)

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Wenn du noch nicht genau weißt, ob du noch religiös oder schon gläubig bist, dann ist das hier deine Playlist: Das Evangelium erklärt

Die Skripte zu den Podcast-Episoden finden sich hier: Skripte Podcast

Wenn du für meinen Dienst beten willst, dann findest du hier drei aktuelle Gebetsanliegen.

Der Herr segne dich. Erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. AMEN

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00:00:04:

00:00:31: Vor einigen Jahren durchlebt dich eine dunkle Phase mit vielen unschönen Gefühlen.

00:00:36: Unter anderem war ich wütend und zwar nicht auf einer Person, die mir großes Unrecht getan hatte Und ich wusste nicht, wie ich mit diesen Gefühlen umgehen sollte.

00:00:45: In dieser Zeit bemerkte ich einmal – früher habe ich die Gottesdienste geliebt!

00:00:50: Ich war gerne dort.

00:00:52: Aber in der dunklen Phase war ich innerlich abgeschnitten.

00:00:56: Die Lieder im Gottesdienst waren fröhlich.

00:00:58: Sie handelten von Freude und Hoffnung, von Gottes Güte und Liebe.

00:01:03: Und ich saß da und dachte Puh, das hat jetzt gar nichts mit meinem Leben zu tun.

00:01:10: Alles wirkte irgendwie so farl und fremd.

00:01:13: Und ich fragte mich, ist das etwa alles was die christliche Botschaft zu bieten hat?

00:01:18: Freude, Freude und nochmal Freude!

00:01:20: Und vielleicht kennst du diese Spannung auch.

00:01:23: Schau dir doch einmal die Liturgie in deinem eigenen Gottesdienst an.

00:01:27: Welche Themen kommen diesen Liedern vor?

00:01:30: Meine Beobachtungen damals waren vor allem Lob-und-Freuden-Lieder.

00:01:36: Aber wo war das Lied oder das Gebet für meine Wut?

00:01:40: Wo konnte ich vor Gott sagen, das ist unrecht?

00:01:43: Ich bin wütend.

00:01:44: Ich will, dass du etwas dagegen

00:01:45: tust.".

00:01:46: Dann merkte ich auf einmal unsere Gottesdienste, unsere Lieder und Gebete sind ziemlich einseitig!

00:01:54: Sie bilden das menschliche Leben erstaunlich eingeschränkt ab.

00:01:58: Was meine ich damit?

00:02:00: Stell dir einmal die menschlichen Gefühlswelt als Farbpalette vor – da gibt es die hellen und leuchtenden Farben Freude, Jubel, Dank, Hoffnung.

00:02:09: Und dann gibt es auch die dunklen Farben.

00:02:12: Verzweiflung, Mutlosigkeit, Enttäuschung – Wut!

00:02:17: Das ganze Spektrum an Farben gehört zum menschlichen Leben.

00:02:21: und dann lass ich einmal unser modernes Lied gut auf mich wirken.

00:02:24: Und ich stelle fest, die dunkle Farben kommen erstaunlich selten vor.

00:02:28: Geh doch einmal eurer eigenen Gottesdienstlieder durch.

00:02:32: Wie viele Lieder gibt es in denen ein Mensch wirklich aus der tiefsten Krise heraus zu Gott klagt?

00:02:37: Es sind erstaundlich wenige….

00:02:39: Wenn ich mir die Lieder des Psalters anschaue, dann finde ich die ganze Farbpalette der menschlichen Gefühle wieder.

00:02:45: Auf der einen Seite stehen Psalmen voller Jubel auf der anderen Seite stehen psalmen, die aus tiefster Not heraus nach Gerechtigkeit schreien und dazwischen liegt das ganze Leben Hoffnung und Verzweiflung Vertrauen und Zweifel Freude und Klage.

00:03:01: Die Psalme verschweigen also diese dunklen Seiten menschlicher Erfahrung nicht Und genau das finde ich bemerkenswert.

00:03:07: Die Bibel gibt nicht nur vor, wie wir über Gott reden sollen.

00:03:11: Sie gibt uns auch Worte dafür, wie Wir mit Gott reden können – auch wenn unser Leben gerade überhaupt nicht schön ist!

00:03:18: Und vielleicht ist das eines der großen Stärken der Psalmen.

00:03:21: sie zwingen mich eben nicht dazu meine Gefühle erst in eine fromme Sprache zu übersetzen bevor ich damit zu Gott kommen kann?

00:03:28: Der Psalmist muss nicht erst sagen eigentlich geht es mir schlecht aber Gott ist gut.

00:03:34: deshalb muss ich mich fröhlich stellen.

00:03:37: Er kann sagen, Gott hier ist unrecht.

00:03:40: Ich halte es nicht mehr aus wie lange

00:03:42: noch.".

00:03:43: Und jetzt stell dir mal deinen typischen Gottesdienst vor!

00:03:47: Wenn ich mir meinen typischen Gottesdienst vorstellen, dann stelle ich mir einen harmonischen wohl geordneten Gottesdienst vor.

00:03:54: Du auch?

00:03:55: Jetzt stell dir immer eine weitere Szene vor.

00:03:57: Da betet jemand plötzlich, Gott zerschlag meinem Feind die Zähne im Maul.

00:04:03: Kannst du dir das

00:04:03: vorstellen?!

00:04:05: Dass da jemand in deinem Gottesdienst sitzt und Gott gegenüber solche drastische Gewaltwünsche äußert?

00:04:11: Und jetzt lass uns mal einen Schritt weitergehen.

00:04:14: Könntest du dazu Armen sagen?

00:04:17: Spannend ist an dieser Stelle, die Psalm war nicht nur für das persönliche Gebet im stillen Kämmerlein gedacht.

00:04:23: Ihre Überschriften enthalten immer wieder Hinweise darauf, dass sie auch für den Gottesdienst vorgesehen waren.

00:04:30: Das trifft nicht nur auf die harmonischen Psalmen zu sondern auch auf die Gerechtigkeitspsalmen.

00:04:35: Nehmen wir z.B.

00:04:37: Psalm fifty und Psalme neun.

00:04:40: Beide gehören zu den Gerechtigkeitpsalmen, in beiden Psalmen fleht der Beta Gott mit drastischen Worten um Gerechtigkeiten an – beide tragen ihrer Überschrift die Angabe für den Chorleiter!

00:04:53: Was haben die Israeliten im Gottesdienst mit diesem Psalmem eigentlich gemeinsam gebetet oder gesungen?

00:04:58: Zum Beispiel so etwas wie Zerschmettere ihn die Zähne im Mund, oh Gott.

00:05:04: Wie ich diesen fährst, deute habe ich bereits in Folge vier erklärt.

00:05:07: Wenn du meine Erklärung gerade nicht vor Augen hast, hör dort noch einmal rein!

00:05:12: Zumindest die Überschriften dieser Psalmen geben uns also den Hinweis – solche drastischen Bitten war nicht nur private Gedanken einzelner Menschen sondern sie wurden vermutlich auch im Gottesdienst gesungen und gebetet.

00:05:25: Und das wirft eine unbequeme Frage auf Was passiert eigentlich wenn wir diese Sprache heute aus unseren Gottesdiensten verbannt.

00:05:32: Dann bietet der Gottesdienst nur für die hellen Farben unseres Lebens eine Sprache!

00:05:37: Und was machen wir damit den Menschen, die gerade in der Dunkelheit sitzen?

00:05:42: Was machen wir mit der Mutter, die grade ihr Kind verloren

00:05:45: hat?!

00:05:45: Was machen we mit dem Menschen, der missbraucht wurde und sich fragt – Gott, wann greifst du endlich ein?

00:05:52: Wir entfernen also nicht einfach nur eine bestimmte Art von Liedern oder Gebeten aus dem Gottesdientz sondern wir verwehren den Leidenden in den Raum, ihre Not und ihre zerreißenen Gefühle vor Gott auszudrücken.

00:06:05: Und nicht nur das!

00:06:07: Der Theologe Myruslavolff sagt aus meiner Sicht zurecht, wie Turgien denen eine herausfordernde Sprache fehlt – wie wir sie gerade im Psalm finden machen uns anfällig für Theologien- und seelsorgerliche Praktiken die nicht mit der Erfahrung von Gewalt umgehen

00:06:25: können.".

00:06:28: Wenn wir die biblische Klage über Gewalt und Unrecht ausblenden, dann liegt es nah damit auch etwas über Gott zu verschweigen.

00:06:35: Und zwar dass das Unrecht Gott nicht gleichgültigt lässt – und dass er zornig auf die Gewaltheter ist!

00:06:42: Damit schwächen wir die Biblische Rede von einem Gott der Gerechtigkeit.

00:06:46: Für einen Menschen, der selbst Gewalt erlebt hat, ist das keine Nebensache.

00:06:50: Wenn ich zu Unrecht verletzt, missbrauchte oder unterdrückt wurde, brauche ich nicht nur die Aufforderung

00:06:56: vergib.".

00:06:56: Ich brauche auch die Zusage, dass was dir angetan wurde war wirklich böse und Gott ist darüber nicht gleichgültig.

00:07:04: Wenn diese Sprache in der Gemeinde kein Platz mehr haben darf, kann genau der Mensch, der am dringendsten eine Zuflucht bräuchte sich in der gemeinde allein gelassen fühlen!

00:07:14: Und genau deshalb ist es auch nicht zu jeder Zeit sinnvoll einen Menschen, der schweres Unrecht erfahren hat – aber du musst jetzt deine Feinde

00:07:22: lieben!".

00:07:23: Wir stehen mit solchen Äußerungen in der Gefahr, die Feindesliebe gegen die Gerechtigkeit auszuspielen und das auf Kosten der Unterdrückten.

00:07:32: Genau das beschreibt Sylvia Bukowski.

00:07:35: Sie war in Rwanda und ist dort vielen Überlebenden des Genozids von fourneinzehnundzig begegnet.

00:07:41: Ich lese einmal vor was sie aus dieser Zeit beschreibt.

00:07:44: Einige haben mir davon berichtet wie ihre Kinder, ihre Eltern oder Partner vor ihren Augen massakriert wurden welche Ängste sie selbst erlitten hatten und was es für Sie bedeutet, dass selbst einige der Anführer der Gemetzel der Gerichtsbarkeit entkommen konnten.

00:08:01: Der Universitätsprediger – selbst ein überlebender – wusste noch viel mehr.

00:08:07: aber statt den Gottesdiensten auch Raum für Klage und Wut zu schaffen und den Theologiestudenten den Schatz der sogenannten Rachebzahlen zu erschließen wiederholte er in seinem Predigten immer wieder den gnadenlosen Imperativ.

00:08:38: Dieses Beispiel zeigt auch, dass es nicht immer reicht Menschen einfach nur zur Vergebung aufzufordern.

00:08:45: Wer schweres Unrecht erfahren hat braucht zunächst Worte für seine Klage, seine Wut und sein Ringe mit Gott.

00:08:52: Und was bedeutet das jetzt?

00:08:53: Sollen wir jetzt jeden Sonntag Lagerlieder singen und um Gerechtigkeit flehen?

00:08:58: Ich glaube nicht!

00:08:59: Wenn wir diese Psalm in unsere Liturgie aufnehmen, dann müssen wir sie kontextsensibel beten.

00:09:06: Kurz gesagt ich halte den Ausschluss dieser Psalmen für problematisch und genauso auch die unreflektierte Aufnahme an Gottesdienst.

00:09:14: Aber wie können wir denn diese Psalm verantwortlich in unsere Liturgie integrieren?

00:09:18: Ich habe dazu vier Gedanken.

00:09:20: Erstens, solche Gebete sind situativ und nehmen die Perspektive der Betroffenen von Unrecht ernst.

00:09:29: Wenn zum Beispiel eine Gemeinde gerade Tage der Freude hat weil sie z.B.

00:09:32: eine Taufe feiert dann muss jedoch nicht künstlicher eine Situation der Klage schaffen.

00:09:37: ich glaube viel mehr dass Gerechtigkeitspsalmen im Gottesdienst dort ihren Platz haben wo die Situation der Gemeinde danach verlangt und zwar in Notsituationen.

00:09:47: Ich denke da an die Kirchenverfolgung, an die Kierchenunterdrückung – diese Kirche wird das beten!

00:09:53: Und sie wird das Beten

00:09:54: müssen!".

00:09:55: Jemand sagte dazu einmal treffend, unsere Liturgie muss ein Spiegel unserer erlebten Gotteserfahrungen sein.

00:10:02: Liturgien muss immer auch Reaktion sein auf Erleben.

00:10:06: Wo das nicht der Fall ist, dann wird die Liturgiesur etwas was sich von unserer Glaubenserfahrung löst.

00:10:12: Zitat Ende.

00:10:13: Mit anderen Worten, die Liturgie soll nicht an der Realität unseres Lebens vorbei singen.

00:10:18: Sie soll auf das antworten was wir tatsächlich erleben.

00:10:21: Wie das konkret aussehen kann beschreibt Sylvia Bukowski anhand einer Erfahrung aus dem Bosnien Krieg.

00:10:27: Ich lese das mal vor.

00:10:29: sie schreibt nach den Massenvergewaltigungen im bosnienkrieg durch Vergewaltiger ersetzt.

00:10:44: Plötzlich war es keine Frage mehr, ob dieser Psalm in einen Gottesdienst gehören kann.

00:10:49: Er wurde zu einer erschütternden Klage, in die auch manche Frauen der Gemeinde einstimmen konnten, die bis dahin keine Sprache für ihre eigene Gewalterfahrung gefunden hatten und aus Scham nirgendwo darüber hatten reden

00:11:01: können.".

00:11:03: Aber auch wenn eine Gemeinde nicht selbst von solchem Unrecht betroffen ist kann sie stellvertretend um Gerechtigkeit für andere beten, die genau das erleben.

00:11:13: Ich denke zum Beispiel an unsere verfolgten Geschwister.

00:11:16: Indem die Gemeinde ihre Stimme für Sie erhebt macht sie der Not zu ihrer eigenen und bringt ihre Solidarität mit ihnen zum Ausdruck.

00:11:24: Zweitens Die Gemeinde muss verstehen dass diese psalmen Gebete sind und nicht Handlungsanweisungen.

00:11:32: Wenn wir sagen Gott schaffe du Gerechtigkeit dann überlassen wir das Gericht Gott.

00:11:37: Wir verzichten auf Selbstjustiz.

00:11:40: Drittens, man sollte sich überlegen ob man tatsächlich jedes drastische Bild der Psalmen unverändert in den Gottesdienste einnimmt.

00:11:49: Auf jeden Fall sollte man solche Metaphern der Gemeinde vorher erklären.

00:11:53: Es soll dabei aber nicht darum gehen diese Metapher zu entschärfen Sondern darum zu verstehen was man betet.

00:12:00: Viertens wir müssen die Gebete im größeren biblischen Zusammenhang lesen und beten.

00:12:06: Die Gerechtigkeitspsalm sind, wie Thorsten Ulrich sagt, nicht das letzte Wort im Umgang mit unseren Feinden.

00:12:13: Neben ihnen stehen die Aufforderung zur Feindesliebe und die

00:12:16: Bitturmvergebung.".

00:12:18: Die Ahndungspsalmen sind nicht das Letzte Wort im umgang mit den Feinden – aber sie können das erste Wort sein!

00:12:25: Das erste Wort eines Menschen der schweres Unrecht erfahren hat und vor Gott bringt was er sonst vielleicht nicht aussprechen könnte….

00:12:33: Solange diese gefallene Welt besteht, soll solche Worte nicht überholt.

00:12:39: Sie sind gültige wenn auch vorläufige Gebete aber sie weisen über sich selbst hinaus hin zu Jesus und zu seinem Ruf unsere Feinde zu lieben und für sie zu beten.

00:12:50: Und so möchte ich dieser Reihe mit dem Satz beenden die Ahndungsbesame sind güldig und die Aufforderung zur Feindesliebe ist endgültig.

00:13:07: Das war's für heute.

00:13:09: Das Buch von Regina Galvitz ist im Lit-Verlag erschienen www.lit-verlag.de.

00:13:19: Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und Lebe in seinem Frieden!

00:13:27: Amen.