Rachepsalmen (5/9)
Shownotes
Über die seelsorgerliche Relevanz verstörender Texte
Transkript anzeigen
00:00:04: Rache Psalmen.
00:00:06: Über die seelsorgerliche Relevanz verstörender Texte, ein Gastbeitrag von Regina Galvitz.
00:00:21: Theologin, Krankenschwester und Autorin des Buches.
00:00:25: wohl dem der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert.
00:00:42: bei The Rivers of Babylon von Bonnet M., der die ersten Verse vom Psyme hundred und dreißig aufgreift.
00:00:49: Was viele nicht wissen, derselbe Psym endet mit einem der schockierendsten Verse der gesamten Bibel – dort heißt es «Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert».
00:01:02: Kaum ein anderer Bibeltext löst so vielen Sätzen aus wie dieser Vers!
00:01:06: Dieses Entsetzen ging soweit dass die Verse sieben bis neun im Zuge der katholischen Deturgiereform aus dem Katholischen Stundengebet gestrichen wurden.
00:01:15: Wie kann ein solcher Fährstil der Bibel sein?
00:01:18: Bevor wir diese Frage beantworten, müssen wir erst mal einen Blick auf die Geschichte hinter Psalm hundertzehn und dreißig werfen!
00:01:25: Denn wie wollen wir diese Ferse verstehen ohne ihren Zusammenhang zu
00:01:29: kennen?!
00:01:30: Psalmenhundertzehmunddreißig ist ein Klagelied das uns hinein nimmt in die traumatische Erfahrung des poblonischen Exils.
00:01:37: Im Hintergrund steht die Belagerung und der Oberung Jerusalems durch die Babylonier unter König Nepokadne zu dem Zweiten, im Jahr fivehundertsechsundachtzig vor Christus.
00:01:49: Während der Belagerungen gab es eine extreme Hungersnot – Jerusalem wurde dem Erdboden gleichgemacht, der Tempel wurde niedergebrannt und der Großteil der Bevölkerung wurde gemaltsam nach Babylon verschleppt.
00:02:02: Der Psalm beginnt deshalb mit tiefer Trauer!
00:02:05: Die Menschen sitzen an den Strömen Barbilons und weinen, weil sie sich an Zion erinnern – an ihre verlorene Heimat.
00:02:12: Aus Trauer hängen Sie Ihre Seiteninstrumente an die Weiden!
00:02:16: Sie können und wollen Ihre Lieder nicht mehr singen.
00:02:19: Ausgerechnet in dieser Situation werden Sie von Ihren Eroberanen verspottet.
00:02:23: Die Babylonier fordern Sie auf «Sing doch eines der Zionslieder».
00:02:28: Ja das ist eine Demütigung, denn die Zionslieder besingen Gottes Herrschaft und Schutz über Jerusalem.
00:02:33: In der Aufforderung zum Singen steckt zwischen den Zeilen also diese Botschaft.
00:02:38: Wo ist denn jetzt euer Gott?
00:02:40: Wenn er wirklich so mächtig ist, warum kann er nicht für euch
00:02:43: einstehen?".
00:02:44: Der Psalmist antwortet darauf mit der rhetorischen Frage Wie könnten wir die Lieder des Sehren auf fremden Boden singen?
00:02:51: Das können sie nicht!
00:02:52: Sie wollen ja nicht das.
00:02:53: ihre Lieder, mit denen sie Gott verähren, zum Sport und zur Unterhaltung ihrer Oberer werden.
00:02:59: Stattdessen schwört der Psalmist Jerusalem niemals zu
00:03:02: vergessen.".
00:03:03: Bis hierher beschreibt Debsamist vor allem seine Not und die Not seines Volkes.
00:03:08: Erst in den Fersen sieben bis neun wendet er sich direkt an Gott, und genau diese Ferse verstören bis heute viele
00:03:15: Menschen.".
00:03:16: Ich lese Sie einmal vor….
00:03:18: Herr vergisst den Söhnen Edom nicht den Tag Jerusalems, da sie sagten, reißt nieder, reist nieder bis auf den Grund!
00:03:26: Doch Tababel du Verwüsterin, wohl dem der dir vergilt was du uns getan hast.
00:03:32: Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert.
00:03:36: Das sind brutale Worte!
00:03:38: Die Bitte um das Zerschmettern der Kinder wurde in der Auslegungsgeschichte über Jahrhunderte hinweg sehr unterschiedlich verstanden und bewertet – und sie ist bis heute
00:03:47: umstritten.".
00:03:48: Ich weiß das….
00:03:49: ich werde euch jetzt nicht vorspielen dass es eine völlig eindeutige Lösung gibt oder dass sich diese Stelle endgültig auflösen könnte aber Ich möchte euch zeigen, wie ich diese Stelle verstehe und wie ich zu meiner Deutung komme.
00:04:02: Zunächst einmal glaube ich, dass wir dem Psalm zu schnell missverstehen, wenn wir die Schlussverse isoliert lesen.
00:04:09: Deshalb will ich den Text mithilfe von vier Fragen einordnen.
00:04:13: Die erste Frage ist Wer spricht hier?
00:04:28: wie ein brutaler Rachewunsch wirken.
00:04:30: Doch wer diesen Wunsch äußert, ist für mich entscheidend!
00:04:34: Der Psalm spricht nämlich nicht aus der Perspektive von Kindermördern oder Terroristen – es spricht aus der Perpektive vom Menschen, deren Land militärisch angegriffen und erobert wurde und die anschließenden sechsiel verschleppt wurden.
00:04:47: Hier spricht jemand, der dem kollektiven Schmerz und dem Trauma seines Volkes eine Stimme gibt.
00:04:53: Es geht hier um pure Hilflosigkeit.
00:04:56: Ich glaube….
00:04:57: Die Sprache hier ist deshalb so radikal, weil auch die Erfahrung des Psalmisten radikal ist.
00:05:04: Die zweite Frage lautet – was geschieht ja eigentlich?
00:05:08: Die Babylonier fordern ein Zionslied.
00:05:11: Der Psalmist weigert sich!
00:05:13: Aus dieser Weigerung entsteht ein neues Lied.
00:05:16: Psalmon XIII wird so zum Lied aus dem Munde eines Machtlosen und ein Gebet In den Fersen sieben bis neun greift der Psalmist nicht selbst zur Waffe.
00:05:27: Er sagt nicht, ich werde's heimzahlen und er ruft auch nicht andere Menschen zur Gewalt auf!
00:05:34: Er sagt Herr Gedenke, er überlässt die Vergeltung also Gott.
00:05:40: Die dritte Frage lautet was ist der Kern da bitte?
00:05:43: Ich persönlich glaube dass es sich hier nicht um einen willkürlichen Gewaltwunsch handelt sondern um ein Wunsch nach Gerechtigkeit denn bevor es heißt dass die Kinder zerschmettert werden sollen, heißt es vorher in Vers Acht.
00:06:01: Dieser Fers ist für mich der Schlüssel zum Verständnis des Schlussverses.
00:06:05: Der Psalmist wünscht Babylon nicht irgendein beliebiges Leid.
00:06:10: Er wünsht Babylon das zurück was Babylon zuvor Israel angetan hat.
00:06:15: Aber was hat Babylon getan?
00:06:17: Die Babylonier waren bei der Belagerung und Zerstörung Jerusalems auch für das Leiden- und Sterben von Kindern verantwortlich.
00:06:24: Das Buch, Der Klagelieder beschreibt in Kapitel II und IV eindrücklich wie Kinder während der Belaggerung verhungerten.
00:06:31: Außerdem töteten die Babylonier die Söhne des letzten Judäischen Königs Cedekia vor den Augen ihres Vaters – damit wurde nicht nur das Leben von Kindern ausgelöscht sondern auch die Zukunft des Königtums getroffen.
00:06:44: Es liegt außerdem nahe, dass Babylon in diesem Krieg auch Kinder der Bevölkerung getötet hat.
00:06:49: Wir wissen das das Töten von Kleinkindern schon damals eine bekannte Kriegspraxis war und sie wird auch in der Bibel erwähnt.
00:06:57: Jeremia beschreibt den Kapitel einundfünfzig Babylon als eine mächtige Großmacht die wildlich gesprochen wie einen Hammer Männer Frauen Kinder und ganze Völker zerschmettert hat.
00:07:10: wir wissen dass Babylon nicht nur Jerusalem unfassbares Leid angetan hat sondern auch für Nizien, Mesopotamien, Syrien und andere Regionen militärischer Obertat.
00:07:20: Sie beherrschte große Teile des vorderen Oriens.
00:07:24: Und jetzt wird es an dieser Stelle besonders spannend!
00:07:27: Der gesamte Wortbestand vom Psalm-Hunderteißig vers Acht bis Neun ist in Yeremia Kapitel Fünfzig und Kapitel Einundfünfzig vorhanden.
00:07:37: Es wird vermutet dass der Psalmist von Yeremir abgeschrieben hat.
00:07:40: Warum ist das so interessant?
00:07:42: Weil in Yremir Kapitel Einundfünfzig verszwanzig bis Vierundzwanzigg wird das Verb Zerschmettern neunmal gebraucht, um Babels hemmungsloses Füten zu beschreiben.
00:07:54: Und in Jeremia Kapitel Einundfünftig vers Vier und Zwanzig warnt Gottbabel Ich vergälte Babel all ihre Bosheit die sie an Zion verübt hat.
00:08:03: Deshalb vermute ich dass der Psalmist mit dem Bild vom Zerschmättern an Babels Handeln und an die angekündigte Vergeltung Gottes anspielt.
00:08:12: Aus all diesen Gründen glaube ich persönlich, wenn der Psalmist vom Zerschmettern der Kinder spricht dann wünscht er sich dass die Babylonier die Gewalt erfahren sollen, die sie über Jerusalem gebracht haben.
00:08:24: Es geht hier nicht um maßlose Rache sondern um gerechte Vergeltung.
00:08:29: Im alten Vorderen Orient stellte man sich Gerechtigkeit so vor das jede Tat ob gut oder böse eine entsprechende Folge nach sich zieht.
00:08:39: Die Tat trägt ihre Konsequenz gewissermaßen schon in sich.
00:08:43: Sie enthält gewissermassen eingelagerte Konse quenzen.
00:08:46: Man kann sich das wie ein Medikament oder wie ein tödliches Gift vorstellen.
00:08:51: Es wird geschluckt, aber seine Wirkung entfaltet sich erst nach und nach.
00:08:56: Genauso hofft Depsalmist darauf dass Barbilons Taten letztlich auf Barbilon zurückfallen.
00:09:03: Die vierte Frage lautet Warum trifft die Vergeltungsbitte ausgerechnet die Kinder?
00:09:08: Diese Aussage über das Zerschmettern der Kinder steht nicht im luftlernen Raum.
00:09:13: Der Psalmist war nicht der Erste mit einer solchen Vorstellung, so hat Jesaja bereits etwa hundertfünfzig Jahre vorher ein Gericht über Babel angekündigt dass auffallend ähnlich klingt wie psalm hundertseinunddreißig.
00:09:27: Dort heißt es in Jesaja Kapitel Dreizehn vers Sechzehn über Babbel Es sollen auch ihre Kinder vor ihren Augen zerschmettert werden und in Vers siebzehnt und achtzehn heißtes dass die Mäder gegen Babel heraufgeführt werden und, als sie die Bevölkerung einschließlich der Kinder nicht schonen werden.
00:09:46: Auch in Yisya Kapitel vierzehn und in Yerebmiah Kapitel fünfzig und einundfünfzig finden wir ähnliche Prophetin über Babel.
00:09:54: Vermutlich kannte der Psalmist diese Prophetin –.
00:09:57: wenn Kinder in diesen Gerichtstexten ausdrücklich genannt werden dann geht es nicht primär um die Kinder all solche sondern um ein umfassendes göttliches Gericht, das alle Bewohner einer Stadt oder eines Volkes trifft.
00:10:10: Die Kinder werden also erwähnt, um die vollständige Vernichtung auszudrücken.
00:10:14: Dass die Sieger eines Krieges die besiegte Bevölkerung vollständig auslöschte war am alten vorderen Orient eine bekannte Praxis.
00:10:22: Wir sehen sie auch in außerbiblischen Kriegszeugnissen zum Beispiel bei den Babylonian, den Assyran, den Persern und so weiter.
00:10:31: Also, der Psalmist denkt sich nicht einfach eine Vergeltung für Babel aus.
00:10:35: Nein!
00:10:36: Er greift die Prophetin Jesaias und Jeremias auf – und bittet gewissermaßen Gott, wann greifst du endlich ein?
00:10:43: Wie lange noch dauert es bis die Gewalt Babels endlich einen Ende
00:10:47: hat?!
00:10:48: Und hier müssten wir aufpassen dass wir den Text nicht vorschnell durch unsere individualistische Brille lesen.
00:10:54: Wir sind versucht uns vor unserem inneren Auge einer Art schiefe Ebenu vorzustellen Im Sinne von einmündiger Erwachsener gegen einzelne wehrlose Kinder.
00:11:05: Und selbstverständlich empfinden wir das als ungerecht, aber der Psalm denkt stärker kollektiv – hier stehen sich nicht einfach einen einzelner Erwachsener und einzelne Kinder gegenüber!
00:11:17: Sondern hier geht es um das Verhältnis zwischen einem unterworfenen Volk und einer militärischen Großmacht die es erobert hat und jetzt
00:11:25: beherrscht.".
00:11:26: Dazu möchte ich einmal den Theologen Stefan Felber zitieren.
00:11:29: Er sagt, wenn die Kinder beseitigt werden dann wird die Zukunft.
00:11:34: Die weitere macht Babels über die Geschichte gebrochen.
00:11:38: Ich denke das ist hier der Gedanke.
00:11:40: Sie sollen unsere Zukunft Unsere Kinder und Enkel nicht mehr bestimmen wie bisher.
00:11:46: Es geht nicht um die Grausamkeit an sich Sondern um die Brechung der Geschichtsmacht Babels.
00:11:51: Zitat Ende Also in Stefan Felbers Deutung stehen die Kinder Barbilons auch für die Zukunft Barbils Also eine nächste Generation, die die Herrschaft dieses Reiches weiterführen würde.
00:12:04: Mit der Nennung der Kinder in der Vergeltungsbitte geht es also auch darum, die Großmacht Babylon zu brechen.
00:12:10: Sie darf andere Völker nicht mehr beherrschen – unterdrücken und die weitere Entwicklung der Geschichte
00:12:16: bestimmen.".
00:12:17: Ich gebe zu!
00:12:18: Auch nach meiner Erklärung bleibt Psalm hundertdreißig fürs Neuen verstörend.
00:12:24: Aber es hilft wenn wir uns klarmachen was hier eigentlich passiert….
00:12:27: Hier drückt ein Mensch in poetischer, in künstlerischer Weise in einem Gedicht, in einem Lied die kollektive Verzweiflung und Demütigung seines Volkes aus.
00:12:38: Und hier betet jemand der Unfassbares Unrecht erlebt hat – und er bittet um das was er als Gerechtem findet!
00:12:45: Und genau deshalb will ich den Fers nicht verharmlosen.
00:12:49: Der Psalmist bitteth aus meiner Sicht um ein Umfassen des Gerichts über Babel.
00:12:53: Dieses Gericht ist für ihn die Antwort Gottes auf Babels
00:12:56: Bosheit.".
00:12:57: Bei all dem greift der Psalmist nicht selbst zur Waffe und fordert auch nicht andere dazu auf.
00:13:04: Mir ist bewusst, meine Erklärungen haben vielleicht weitere Fragen aufgeworfen wie zum Beispiel Wie kann Gott davon sprechen das ganze Völker vernichtet werden sollen?
00:13:14: Wer dazu weiter forschen möchte zu dieser Frage hat Alexander Fink auf YouTube einen sehr guten Vortrag veröffentlicht.
00:13:23: Zum Schluss kann ich nur sagen egal wie wir es drehen und wenden Wir können Psalm-Hundert-Siemenunddreißig und die anderen Gerechtigkeitspsalm zwar ein Stück weiter klären, aber wir können diese Psalme nicht geschmeidiger machen.
00:13:35: Diese Psalmes entziehen sich einer Bändigung Sie entziehen einen Domistizierung.
00:13:41: Mir scheint sie wollen stachlich unanstüßig bleiben Und mittlerweile bin ich sogar zu dem Schluss gekommen Wir müssen diese drastischen Worte nicht sofort entschärfen oder so lange erklären bis sie uns nicht mehr stören.
00:13:54: Der Stachel darf bleiben Warum ich glaube, dass es sogar notwendig ist, dass diese Psalme schockierend klingen müssen?
00:14:02: Darauf werde ich in Folge sieben ausführlicher eingehen.
00:14:05: Aber zuerst werden wir in der nächsten Folge über die Frage nachdenken was wir über die Gerechtigkeitspsalmen im Allgemeinen wissen sollten und welche Bedeutung Sie für Christen
00:14:15: haben.".
00:14:24: Das war's für heute!
00:14:30: www.lit-verlag.de.
00:14:36: Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und Lebe in seinem Frieden!
00:14:44: Amen.